Donnerstag, der 25. April 10uhr. Es geht los, der Hansegravel startet. 600km Gravelpisten von Hamburg bis nach Stettin. Und ich? Ich sitze zu Hause und mache mich startklar für die Arbeit. Spätschicht. Es gibt einfach zu wenig Urlaubstage! Gespannt verfolge ich die Punkte auf Spotwalla und jeden einzeln Tweet der Teilnehmer. Ach, wäre ich gerne dabei… Nunja dann mache ich halt wieder mal meine eigene Tour. Also auf an die Planung.

Nach kurzer Planung steht die Tour. Es geht erst einmal nach Osten an die Müritz, dort gibt es sicher schöne Ecken für die Übernachtung. Danach dann schnurstracks Richtung Süden in die Heimat. Es sollte eine gemütliche Genuss-Tour sein. Aber eigentlich wollte ich ja auch noch etwas trainieren. Wie kann man das verbinden? Richtig, man lässt einfach die Schaltung weg und schon wird die ganze Sache etwas anspruchsvoller. Somit wird schnell klar ich starte auf meine erste Tour mit einem Singlespeed. Natürlich auch gleich mit vollem Übernachtungsgepack. Worauf ich mich einlasse? Keine Ahnung – wir werden sehen.

Freitag Abend, 22Uhr endlich Feierabend!

Wie so oft steht mein Radel startklar auf Arbeit. Nur ich war wieder nicht bei der Sache und merke das meine Powerbank noch zu Hause ist. Also geht’s noch mal fix nach Hause. Kaum die Tür betreten geht es auch schon los. Ein Wolkenbruch vom feinsten – na toll. Bei dem Wetter beschließe ich erst mal in Ruhe mein Feierabendbier zu trinken und abzuwettern.

Zur Not fahre ich morgen früh. Ein Blick auf das Wetterradar verrät mir aber das der Spuk 0 Uhr vorbei sein soll und ich dann mehr oder weniger trocken durch die Nacht kommen sollte.

So war es dann auch, ab und zu ein leichter Nieselregen zwischen durch. Aber nix wo es sich gelohnt hätte die Regenjacke an zu ziehen. Der Start läuft gut, ich bin guter Dinge. Zwischen Geesthacht und Lauenburg dann die ersten kleinen Wellen im Boden. Ich merke wie meine Hände regelmäßig versuchen den Bremsgriff zur Seite zu drücken. Ach ja… Da war ja was. Hier stellte ich mir das erste mal die Frage, ob das so eine gute Idee war so ganz ohne Schaltung?

Bis jetzt läuft aber noch alles ganz gut. Ich bin langsam aber ich komme voran. Die Nacht weicht langsam dem Tag. Einzelne Nebelschwaden ziehen über die Felder und die Sonne versucht vergeblich durch die dicke Wolkendecke zu brechen. Es ist immer wieder ein Erlebniss, das Fahren in den Sonnenaufgang. Wenn man merkt man hat den kältesten Punkt der Nacht überwunden. Und überhaupt, wie das Licht langsam die Landschaft zur Geltung bringt…Deswegen bin ich jetzt hier. Bei 6 Grad und leichtem nieseln und genieße jeden Augenblick!

Pünktlich zum Sonnenaufgang erreiche ich auch neue Wege. Die ich bis dahin noch nicht kannte und merke wie ich anfange an nichts mehr zu denken. Ich genieße jeden Meter den ich zurücklege. Leises surren der Räder über den Asphalt und das Singen der Vögel in den Bäumen.

Die Wege sind klasse, wieder ein Stück was ich mir merken muss. Schmal schlängelt sich der Asphalt durch die Wälder. Das frische Grün in den Bäumen. Traumhaft.

Halb 8, ich denke es wird Zeit für ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee. Warum auch nicht, wenn sich die Gelegenheit nun einmal bietet. Wenn ich gewußt hätte wie kark die Strecke mit Bäckern besetzt ist – ich hätte 2 Stück genommen.

Weiter geht es durch kleine Waldstücke die immer mal wieder mit Feldern unterbrochen werden, auf denen meistens der Raps in Blüte steht.

Der Geruch. Eine Mischung aus Wald und Raps. – Raumspray Entwickler sollten mehr mit dem Fahrrad fahren!

Gegen 10 Uhr beschließe ich mal Pause zu machen. Und es findet sich auch schnell ein geeignetes Plätzchen am See.

Morgens um 10 Uhr erst mal ein Brötchen und ein Bierchen. Ich merke ich bin ja schon wieder seit 23 Stunden wach. Ob ich wohl jemals so etwas wie einen geregelten Schlafrhythmus bekommen werde? Aber wie man sieht, die Getränkehalter sind schon mit jede Menge Koffein haltigen Getränken bestückt. Zuckerfrei – natürlich. Wir achten ja hier auf unsere Linie. Prost.

Nach 20 Minuten geht es weiter. Die Wege werden schmaler und ständiger. Brandenburg, ich komme! Es läßt sich soweit alles gut fahren hier und da droht man mal stecken zu bleiben aber wer nicht aufhört zu treten, fällt auch nicht um.

Mitten in einem Waldstück begegnet mir eine Gruppe E-Mountainbiker. Ca. 15. Frauen, jenseits der 40 wovon einige den Eindruck machten es ist das erste Mal das sie Fahrrad fahren. Ich halte an und mache auf dem einspurigen Waldweg Platz. Das unsichere Fahrverhalten der Damen wird nur noch durch ihre Unachtsamkeit getoppt. Eine stürzt fast weil sie sich erschreckt das ich da an der Seite stehe…. Ganz ehrlich. Wenn man bedenkt das sie so auch am Straßenverkehr teilnehmen. Kann ich jegliche Bedenken gegenüber den E-bikern verstehen.

Aber es gibt ja immer solche und solche, überall.

12:30 Uhr – Waren an der Müritz – 200km – Hunger!

Und das richtig. Ich beschließe 1-2 extra Kilometer in Kauf zu nehmen und kurz in die Stadt zu fahren und mir einen Döner zu holen. Kalb oder Hähnchen? Uff… Mir war nicht bewußt das ich heute noch so harte Entscheidungen treffen muss.

„Ich nehme 2, ein Kalb, ein Hähnchen“ so konnte ich mich gerade noch retten.

Natürlich zum mitnehmen, schnell aufs Rad und raus aus der Stadt. Essen tue ich lieber draußen im grünen.

Während ich so sitze fange ich auch schon an zu rechnen. Wie weit mache ich heute? Wo kaufe ich für die Nacht und den kommen Sonntag ein?

Bis Neuruppin wird zu knapp davor kommt lange nix, ausser schöne Stellen zum campieren. 2 Märkte liegen noch auf meinem Weg ich beschließe den letzten an zu steuern. Das sollte locker vor 18 Uhr zu schaffen sein.

Also weiter geht’s. Die Landschaft hier ist wirklich herrlich. Wer auf Infrastruktur und Mobiles Netzwerk verzichten kann und sich gerne an der Natur erfreut. Der ist hier genau richtig.

15:30 Uhr Kaffeepause, das wäre jetzt was. Aber Nunja hier gibt es ja nichts. Ein Blick auf die Karte sagt mir immerhin noch eine halbe Stunden bis zum Edeka. Klasse. Ging schneller als gedacht.

Also ganz gemütlich weiter lang hin und dann?

16:03 Uhr Rolle ich in den kleinen Ort Flecken Zechlin ein. Oh mein Gott. Wo bin ich hier gelandet? Hier gibt’s einen Edeka? Nicht mehr sicher ob ich noch genug Ostmark in den Taschen habe mache ich mich auf die Suche.

Ahh dahinten…

Geschlossen….

Samstag 9-16 Uhr… Der Blick aufs Handgelenk 16:05 Uhr. Ich renne an die Tür. Ich glaube die hauen da drin schon vorher ab. Keiner mehr zu sehen.

Tja nun stehst da… Noch ne halbe Flasche Wasser, ne Hand voll Nüsse. Gefühlt am Ende der Welt.

Nächste Möglichkeit war Neuruppin… Noch mal 40km? Eigentlich wäre mir der Feierabend jetzt langsam recht.

Am besten ich schau noch mal bei Google maps vielleicht gibt es doch noch irgendwas. Ach stimmt ja hier gibt es ja kein Internet. Meine Laune fällt in den Keller – was nun? Naja rumsitzen bringt auch nix. Weiter muß ich so oder so, also los.

Die nächste halbe Stunde verbringe ich leise vor mich hin fluchend damit mir Gedanken zu machen wie es weiter geht.

Klar, erstmal Neuruppin um einzukaufen. Aber dann muss ich da ja auch wieder weiter und ein Platz für die Nacht suchen. Und überhaupt… Und eigentlich bin ich ja dann auch schon fast am Ziel. Dann kann ich auch gleich durch fahren.

Das will ich aber nicht! Ich wollte doch eine gemütliche Camping Tour machen!

Ich merke wie ich mich selber anzicke. Ein weiteres Dörfchen taucht am Horizont auf, so groß das es in meiner Karte mit keinerlei Kennzeichnung gewürdigt wurde…

Doch da was sehen meine Augen? HOFLADEN. Geöffnet. Ein Traum! Schnell wird klar, hier gibt es frisches Gemüse der Saison. Also:

Spargel

Spargelgeschält

Spargel in Stücken

Spargelsalat usw…

Naja in der Ecke findet sich noch ein letztes Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee macht der nette Herr dem der Laden gehört auch noch frisch.

Immerhin kenne ich jetzt seine Familienverhältnisse, ich weiß das das angrenzende Feld ihm gehört. Und die nächsten x Hektar Wald auch. Sein Dackel „Socke“ macht ihm auch Sorgen, schon sehr alt kommt er kaum noch hoch.

Nach einem langen Plausch mache ich mich wieder in die Spur. Der gute Mann gibt mir noch ein Bier aus seinem privaten Vorrat mit und füllt meine Flaschen mit Leitungswasser.

Er hat mir den Abend gerettet.

Weiter geht es, frisch motiviert und mit wieder gute Laune durch die Wälder. Es ist mittlerweile 17 Uhr und ich bin bereits im Suchmodus.

Von einer schönen Ecke zur nächsten. Die Wolken ziehen langsam zu und es scheint bald regnen zu wollen. Also beschließe ich einfach jetzt reichts und biege rechts in einen kleinen waldpfad ein. Dann links, dann rechts und noch einmal im Kreis.

In welche Richtung war der Weg jetzt noch mal?

Egal das sind die Sorgen des Bennys von Morgen für heute habe ich eine schöne Ecke gefunden.

Flux wird das Lager aufgebaut, dann Zeckenkontrolle und ab in die Hängematte. Geduscht wird heute mal wieder mit Feuchttüchern. Und schon liege ich gemütlich im Bett. Genieße das gesponsorte Bier und beobachte die Umgebung.

Kurze Meldung an Zuhause : Ich lebe, morgen geht’s weiter.

Socialmediacheck : kein Netz mehr, okay

19 Uhr, 277km, leise rieseln die ersten Tropfen und ich schlafe ein…