Teil 1 schon gelesen? <-

Sonntag 28. April irgendwann mitten in der Nacht.

Ich schrecke hoch, vom lauten geprassel geweckt. Regen.

Neben mir hat sich auch etwas erschrocken und macht sich laut raschelnd aus dem Staub.

Ich taste mich durch die Taschen, mist – die Lampe hängt noch am Fahrrad. Langsam taste ich mich an die Enden der Hängematte um zu schauen ob die Abtropfleinen richtig hängen. Nicht das die Hängematte und der Schlafsack nass werden.

Alles gut. Dann drehe ich mich wieder rum und schlafe sofort wieder ein.

5:30 Uhr. Lärm. Muss das jetzt sein? Es wird langsam hell und der Wald wird wach. Auf dem Niveau vom Kreuzungslärm einer Hauptstraße singen Vögel, rascheln Tierchen und klappern die Regen Tropfen auf das Dach.

Okay vielleicht war es nicht ganz so laut aber halb 6 Uhr morgens VOR dem ersten Kaffee ist nun mal jedes Geräusch zu viel. 😊

Langsam strecke ich einen Arm aus dem Schlafsack ins Freie. Stop! Der Temperaturcheck ergibt – sofortigen Rückzug aller Gliedmaßen in den Schlafsack. Geschätzte 10°C minus – realistisch wohl irgendwas um die 5°C.

Ein Blick aufs Handy, ein paar Nachrichten kamen durch, super. Nun heißt es aufstehen. Bei 5°C, anziehen, einräumen, das klitsch nasse Tarp mit eiskalten Flingern einpacken und in Regensachen in den Tag starten.

Vergiss es! Ich hab Urlaub.

Noch im Schlafsack warm eingepackt beschließe ich – 5 Minuten bleib ich noch liegen.

9:30 Uhr – Ich werde langsam wach. Ach herje so viel zu 5 Minuten. Na nun muss ich aber wirklich los. Schließlich warten ja heute auch noch 225km auf mich.

Als erstes mal umständlich anziehen.

Während mein Schlafsack etwas auslüftet. Schaukel ich noch etwas vor mich hin und beobachte eine paar Rehe die mit ausreichen Sicherheitsabstand vor sich hin grasen.

10 Uhr. Endlich alles eingepackt und startklar. In welche Richtung musste ich jetzt noch mal? Hätte ich doch nur ein paar Brotkrumen dabei gehabt gestern.

Nachdem sich das GPS durch das Blätterdach gekämpft hat wird nun endlich die Richtung klar. Also los jetzt erst mal ein paar Kilometer machen.

Die Strecken durch die Wälder bis nach Neuruppin ist herrlich. Das frische Grün zwingt mich zu regelmäßigen Foto Stops. Trotzdem versuche ich zügig weiter zu kommen. Der Hunger kommt langsam durch und die paar Nüsschen die ich noch habe können ihn nicht mehr lange aufhalten.

12:00 Uhr Neuruppin. Die ersten 2 Tankstellen lasse ich links liegen, kein Bäcker in der Nähe? Zumindest nicht auf meiner Route. Kurz vorm Ortsausgang noch eine Dönerbude die gerade ihre Pforten öffnet. Naja – ist ja eh schon Mittag. Diesmal vorbereitet bestelle ich gleich 2. Ein Kalb, ein Hähnchen.

Wir haben nur Normal und Hähnchen.

OK, ich frage lieber nicht nach was Normal ist.

Normales Brot oder selbst gemachtes?

Bitte? Gibt es eigentlich keine Dönerbuden mehr wo es einfach nur Döner gibt?

Selbstgemachtes. In der Erwartung ein besondere Umverpackung für Fleisch und Gemüse zu bekommen warte ich nun.

An dieser Stelle erspare ich euch alle weiteren Einzelheiten. 20!! Minuten später verlasse ich den Laden mit 2 eingepackten Dönern. Ich glaube ich komme heute nicht mehr vorwärts. Es ist halb 1 und ich bin mal gerade 40km weit.

Bei der nächsten Gelegenheit halte ich an und esse gemütlich einen der Döner. Den anderen spare ich mir noch auf – ich werde ihn brauchen.

Jetzt aber zügig! Ich versuche den Gegenwind zu ignorieren und fahre weiter über Fehrbellin Richtung Brandenburg an der Havel.

Zwischen drin – eine gesperrt Brücke. Klasse. Eine Umleitung ist nicht ausgeschildert. Mobil Netz natürlich nicht vorhanden. Also geht’s auf blauen Dunst erst mal dem Flusslauf entlang bis zu nächsten Brücke. Das kann sich, bei der Infrastruktur hier, ja nur um wenige Hundert Kilometer handeln. 😁

Ob ich wohl noch eine Nacht draußen schlafe?

Ich habe Glück, 2 Kilometer weiter eine kleine Holzbrücke. Dann geht es auf der anderen Seite wieder zurück.

Jetzt rollt es endlich. Die aufgenommen Kalorien zeigen ihre Wirkung und wandern direkt in die Beine.

Trotz der verschieden Untergründe und der meist er schlechten Wege rollt es erstaunlich gut. Alles richtig gemacht bei der Reifenwahl. Die neuen Schlappen sind weit weniger schnell auf Asphalt als meine geliebten 32er 4-Seasons aber dafür unglaublich komfortabel und kommen mit allen klar was man ihnen an Untergrund zu fressen gibt.

Zumindestens bis die Brandenburger Wälder ihre schönen „naturbelassenen“ Wege präsentieren. Schieben. Fünf bis 600 Meter, dann geht’s wieder.

Während ich so vor mich hin schiebe fällt mir ein das ich kurz vor dem Highlight des Tages bin. High im wahrsten Sinne des Wortes. Denn mich erwartet ja heute noch ein „gewaltiger“ Anstieg. Der bewußt in die ehr flache Strecke eingebaut wurde. Schließlich will ich ja sehen wie das so klappt mit etwas Vorbelastung und der 42 – 17 Übersetzung.

Erst eine Welle dann noch eine und dann geht’s hoch. Im Wiegetritt flitze ich die Rampe hoch. Klasse so schwer war das ja garnicht. Oben angekommen – kurzer Foto Stop und ein Blick auf die Karte was mich heute noch so erwartet.

Scheiße. Was ich als Rampe wahrgenommen habe war nur die Welle vor der Rampe. Na klasse – das kann ja was werden.

Der richtige Anstieg schlängelt sich durch ein kleines Dorf ein paar Meter weiter. Na toll Passanten. Im Wiegetritt trete ich so stark in die Pedale wie ich nur kann. Meine Atmung erinnert an einen Kettenraucher der gerade den ersten 400m Sprint seines Lebens hintersich gebracht hat. Meine Uhr piept in einer Tour – Puls Warnung! Noch eine Kurve. Und noch eine. Bin ich endlich oben?

Geschafft. Erschöpft Falle ich wieder auf den Sattel. Krass, steiler sollte es wirklich nicht sein. Regenerativ rolle ich noch 1-2 Kilometer langsam lang hin und dann erst einmal Pause.

Ich habe ja noch einen Döner im Gepäck – den habe ich mir nun aber wirklich verdient.

Danach geht es erst einmal gemütlich bergab. Und schon kommt das nächste Dörfchen in Sicht.

Ach nein, Wittenberg! Na dann bin ich ja fast da. Vorbei geht es am Lutherhaus und über den Markt Platz. Ein Foto Stop? Nein, überall Menschen, schnell weg hier…

Und schon bin ich wieder an der Elbe. Sie lässt mich auf meinen Touren scheinbar einfach nicht los.

Die Sonne nähert sich langsam dem Horizont und die letzten 50 Kilometer liegen vor mir. Über freies Feld mit fiesem Gegenwind. Aber die Beine drehen und drehen. Ein wunderschöner Sonnenuntergang begleitet mich zu meiner rechten. Und alle Anstrengungen der Tour sind bereits vergessen.

Noch ein letztes mal biege ich ab, auf die sandigen Waldwege. Hier schimmern die Baumkronen noch einmal im roten Sonnenlicht.

Der Tag geht zu Ende. Und mit einbruch der Nacht rolle ich im heimatlichen Sandersdorf ein.

Ein traumhafter Tag. Etwas Leid, etwas Schmerz und unmengen an schönen Augenblicken und Eindrücken.

Alle sagen immer, daß ist doch Wahnsinn, du bist doch verrückt.

Ich sage, ich bin frei.